Improvisation und Muskelkraft

Die Körperkulturisten der DDR hatten es sprichwörtlich „hier“ und „hier“ – gemeint ist, im Bizeps und im Köpfchen. Dass das Vorurteil von viel Kraft und wenig Intelligenz Lügen straft, ist nicht erst mit der großen politischen Karriere des Idols Arnold Schwarzenegger bekannt. Die Welt weiß, in Mr. Olympia und Mr. Universum steckt weit mehr als Muskelkraft, und für die DDR Bodybuilder bedeutete dies vor allem Improvisationstalent und Durchhaltevermögen.
Trainingsgeräte, Übungs- und Ernährungspläne – dies alles war zur Geburtsstunde der DDR Körperkulturistik Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre nicht vorhanden. Man kannte hier und da einige Fotos und Aufnahmen der großen Stars, wusste jedoch nicht um die Details des Sports. Es hieß also, sich selbst zu erfinden und adäquate Trainingsbedingungen zu schaffen. Dies begann bei der Herstellung von Gewichten und endete bei der Auswahl der richtigen Bräunungstinktur für den Wettkampfauftritt. Hanteln wurden in Betrieben selbst gedreht und für den richtigen Bräunungsschimmer wurde mit Plakatfarbe und Körpercreme bis hin zur Künstlerölfarbe experimentiert. Dumm nur, dass die Mixturen leicht aufzutragen, anschließend aber kaum mehr vom muskelgestählten Körper abzuwaschen waren. Klar jedoch war „hüben wie drüben“: Wer im Scheinwerferlicht mehr darstellen wollte als nur einen „weißen Fleischfleck“ musste mittels Bräunung Konturen schaffen. Wobei die Muskelpakete der DDR-Szene nicht immer an die ausdefinierten Partien der Weltstarts heranreichten.
Das Doping mit Anabolika – im Leistungssport zu dieser Zeit ein durchaus probates Mittel – war in der Körperkulturistik zu Beginn gar nicht bekannt und auch späterhin nur wenig verbreitet. Natural Bodybuilding nennt man dies heute – das verantwortungsbewusste Gewichtstämmen ohne leistungssteigernde Mittel und ohne Gelenkschäden. Und der Erfolg gab diesem Ansatz Recht. Schließlich wurde aus dem neuen Sport einiger weniger in der DDR eine ganze Massenbewegung, der letztlich sogar auch die bundesdeutsche Szene dominierte. Die Einstellung zum Bodybuilding war in der DDR eine positive. Der Sport galt zwar als exotisch, beispielsweise neben dem Gewichtheben, war aber weitläufig akzeptiert. Ganz im Gegenteil zu den kritischen Stimmen und Presseberichten der damals bundesdeutschen Nachbarn.
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